

Was bedeutet „Heilen“ für dich?
Das ist wirklich eine interessante Frage….
Menschen haben alle so ihre Muster, schauen wie durch Vorhänge und durch irgendwelche Brillen, die sie aufhaben. Angst, Mißtrauen, Zweifel. Das ist alles geprägt durch Erlebnisse, die wir in unserer Kindheit hatten oder im Laufe unseres Lebens. Diese Erlebnisse sind teilweise so tief, daß die Menschen gar nicht mehr merken, daß sie alles durch diese Brillen sehen. Und so nehmen sie die Welt oft nicht mehr so wahr, wie sie wirklich ist.
Wenn dir irgendwann mal jemand etwas weggenommen hat, dann versuchst du möglicherweise, dieses festzuhalten. Das merkst du gar nicht. Erst im Kontakt mit anderen, wenn dich jemand anderes darauf aufmerksam macht, dann kannst du das vielleicht reflektieren.
Heilen, so wie ich es verstehe, heißt, eben darauf aufmerksam zu machen. Solche Verhaltensweisen aufzudecken. Die Vorhänge für den anderen sichtbar zu machen, so daß er sie selber aufziehen kann. Und daß er merkt, diese Muster, das bist gar nicht du. So daß man immer weiter zu seinem eigenen Ich kommt und sich wieder spüren kann. Und je weiter man sich öffnet und das alles in sich aufnimmt, umso mehr ist man auch an seinem Platz im Leben.
Welche Rolle spielen für dich dabei die Bäume?
Bäume machen uns gut vor, wie es ist zu leben.
An ihnen erkennen wir den Zyklus des Lebens. Die Blüte im Frühjahr, die Kraft, die man da spürt, die steckt einen förmlich an. Und dann will man auch Neues schaffen. Und dann kommt der Sommer und der Herbst mit seinen Früchten, die wir dann ernten können. Wir oder die Tiere können die Früchte der Bäume dann essen.
Jedes Jahr aufs Neue lassen die Bäume los – erst die Früchte, dann ihre Blätter. Wir Menschen haben oft solche Angst loszulassen. Die Bäume tragen die Gewissheit in sich, dass alles schließlich auf einer neuen Ebene wieder von vorne anfängt.
Durch das Betrachten der Bäume können wir das erkennen. In einer einzigen Frucht ist soviel Kraft, dass daraus ein neuer Baum entstehen kann. Wenn wir das auf uns beziehen, können wir daraus auch Kraft gewinnen.
In der Nähe von Bäumen spüren wir dessen Energie. Das gleicht auch unsere eigenen Lebenskräfte aus. Man kommt dadurch zur Ruhe und zu sich selbst. Alles wird klarer, und vielleicht hören wir dann auch wieder unsere innere Stimme.
Im Unterschied zur Begegnung mit anderen Menschen ist ein Baum einfach nur da. Er hat ein ähnliches Energiefeld wie wir und gleicht uns aus. Dadurch, daß er höher und größer ist. Für mich sind sie große Kraft- und Ruhegeber. Wenn ich ein Problem habe, dann kann ich zu einem Baum gehen. Dort finde ich Ruhe. Und vielleicht gibt er mir auch ein paar Antworten auf meine Fragen.
Was können wir Menschen von den Bäumen lernen?
Das Loslassen. Das in der Fülle sein. Es kommt immer wieder Regen, und ich werde immer wieder Früchte tragen. Und das nächste Frühjahr wird kommen, in dem ich meine Kräfte ausbreiten kann. Und die ungeheure Ruhe der Bäume, die auch wir Menschen geben können. In dieser Ruhe liegt unsere eigentliche Kraft. Die Menschen wußten das schon immer. Deshalb traf man sich früher unter der Linde im Dorf, oder ging zu einem alten Baum, wenn man sich über etwas klar werden wollte. Diese Ruhe, diese Kraft, die uns im Alltag oft verloren geht, können wir von den Bäumen zurück gewinnen.

Was ist Baumpflege?
Baumpflege soll dazu dienen, dass Bäume sicher sind hinsichtlich des Straßenverkehrs, dass also keine Gefahren von Bäumen ausgehen. Und es sollen durch die Baumpflege gesunde Bäume erhalten werden, über eine möglichst lange Zeit. Also sicher und gesund.
In den letzten Jahren haben aber die Ansprüche an die Sicherheit der Bäume immer weiter zugenommen. Man verlangt mittlerweile einen Grad an Sicherheit, der überhaupt nicht mehr zu leisten ist, auch nicht mit irgendwelchen Maßnahmen der Baumpflege.
Und bezüglich der Gesundheit habe ich mittlerweile einige Zweifel, ob die heute praktizierten Maßnahmen der Baumpflege tatsächlich dazu dienen, die Bäume gesund zu erhalten. Zum Teil steht das sogar im Widerspruch dazu. Es wird viel zu viel an Bäumen geschnitten, aus irgendwelchen Gründen, zum Beispiel weil er ausgelichtet werden müsse, oder weil er ein bestimmtes Design haben soll, damit er sturmsicher sei.
Ich selbst bin im Laufe der Jahre immer zurückhaltender geworden, überhaupt an Bäumen zu sägen.
Ich denke, das liegt vor allem daran, dass ich inzwischen Bäume besser verstehen kann. Vieles, was ich im Laufe der Jahre als baumpflegerische Maßnahmen ausgeführt habe, verstehe ich heute als Verletzung des Baumes. Und in dieser Auffassung bin ich übrigens auch nicht allein.
Schnittmaßnahmen in Bäumen sind dann sinnvoll, wenn ein Baum in der Jugendphase erzogen wird. Ein Baum wird ja immer an einer bestimmten Stelle gepflanzt, und da darf er einfach nicht alles. Es gibt dort räumliche Begrenzungen, eine Straße beispielsweise, durch die man durchfahren muss, und da müssen die Äste dann weg. Und das macht man besser, wenn der Baum noch jung ist, weil er dann noch ganz gut damit klar kommt.
Sinnvoll ist es auch, Bäume, die bruchgefährdet oder standunsicher sind, zu entlasten, indem man bestimmte Äste wegnimmt. Aber auch da nur, so viel wie unbedingt nötig, denn auch solche Schnitte sind immer eine Verletzung. Es geht immer um die Frage: Dient die Verletzung tatsächlich einem längeren Erhalt des Mitlebewesens Baum, ja oder nein.
Hier bei dieser alten Ulme, an der wir gerade arbeiten, da tut mir jeder Schnitt, den wir machen müssen, weh. Der Baum ist von innen weitestgehend ausgehöhlt, und es besteht tatsächlich die Gefahr, dass der Baum unten im Stammbereich bricht. Dann wäre der Baum verloren.
Deshalb haben wir uns dafür entschieden, dem Baum einzelne Verletzungen beizufügen, um ihn zu erhalten. Darin liegt für mich der eigentliche Sinn von Baumpflege. Es geht eben auch um die Interessen des Baumes. Weil ich den Baum als ein Mitlebewesen begreife.
Kann man Bäume heilen?
Man kann Bäumen helfen. Aber man kann Bäume nicht heilen.
Es gibt Prozesse bei Tier und Mensch einerseits und Bäumen andererseits, die sich grundlegend unterscheiden. Wenn beim Menschen oder beim Tier Gewebe verletzt wird, dann wird an der selben Stelle neues Gewebe ausgebildet, das verletzte Gewebe also ersetzt. Und es bleibt vielleicht eine Narbe. Das verstehen wir unter Heilung, oder Regeneration.
Das geht beim Baum nicht. Wenn der Baum irgendwo Gewebe verliert, dann bleibt dieser Verlust an dieser Stelle für immer vorhanden. Der Baum kann nur an neuer Stelle neues Gewebe bilden. Er kann also die Fehlstelle mit neuem Gewebe umwachsen. Aber die kranke Stelle bleibt für immer erhalten, bis der Baum letztlich stirbt.
Wenn Bäume wirklich so alt werden dürfen, dann werden sie innen hohl und sie werden von Pilzen besiedelt. Die Pilze sind auch keine bösen Feinde, sondern sie gehören einfach dazu. Der Baum muß wie jedes Lebewesen irgendwann sterben, und beim Sterben helfen eben andere Organismen. Die sind also keine Zerstörer, sondern Begleiter bei dem Sterbevorgang, der etwas völlig Natürliches ist. Letztlich muss man das in einem Gesamtzusammenhang sehen. Der Baum ist Lebensraum für Tiere, aber auch Lebensraum und Substrat für Pilze, und die begleiten ihn in der letzten Phase seiner Existenz. Und das ist einfach notwendig.
Was bedeuten Bäume für Sie persönlich?
Bäume sind für mich Heiler. Und das meine ich ganz ernst.
Es gibt Momente, wo ich tatsächlich im Zusammensein mit einem Baum spüre, das etwas mit mir passiert. Dass das Zusammensein mit dem Baum in mir etwas auslöst. Das habe ich erfahren und erfahre es immer wieder. Je länger ich mich dem bewusst aussetze, umso deutlicher wird das, und umso öfter mache ich die Erfahrung. Das ist so etwas wie Meditation. Manch einer bezahlt da viel Geld dafür, um sich das in einem Kurs zu erarbeiten, aber der Baum schenkt das einem auch so. Man muss sich nur darauf einlassen. Ich glaube, dass Bäume heilend wirken können auf den Menschen. Das ist mein Verhältnis zu den Bäumen, dass ich sie nicht nur als Sauerstofflieferant ansehe und als Feinstaubfilter, sondern sie sind für mich Mitwesen, mit denen man in Kommunikation treten kann. Wenn man bereit ist dazu.

