Angelika Reichelt, Polizeidirektion Rostock, Sachbereich Prävention
Mecklenburg-Vorpommern zählt nach dem Land Brandenburg zu den alleenreichsten Bundesländern in Deutschland. Die Alleen stehen bei uns nach Artikel 12 Absatz 2 unter dem Schutz der Landesverfassung. Darin heißt es, dass alle Alleen und einseitige Baumreihen an öffentlichen oder privaten Verkehrsflächen oder Feldwegen gesetzlich geschützt sind. Ihre Beseitigung sowie alle Handlungen, die zu deren Zerstörung, Beschädigung oder nachteiligen Veränderungen führen, sind verboten.
Die Polizei hat dafür zu sorgen, dass die Bestimmungen für die Sicherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung eingehalten werden. Die gesetzlichen Bestimmungen müssen eingehalten werden und Personen, die gegen Gesetzte verstoßen, dafür zur Verantwortung gezogen werden. Somit kann auch ein Baum an einer Alleenstraße in unserem Land für die Arbeit der Polizei eine besondere Bedeutung haben. Denn es kommt immer darauf an, unter welchen Umständen wir, die Polizisten, durch diese Alleenstraße fahren.
Fahren wir ganz privat mit dem Auto oder Motorrad, dann genießen wir die Natur und freuen uns über jeden Sonnenstrahl, den wir zwischen den Bäumen oder auch Zweigen erhaschen können und der auf unser Gesicht fällt.
Wenn wir aber in Ausübung unseres Dienstes – wie z. B. bei einem Verkehrsunfall – durch die Alleenstraße fahren müssen, dann sind es ganz andere Gefühle und auch Fragen, die uns auf der Fahrt begleiten.
Viele Gedanken gehen uns durch den Kopf, aber trotzdem haben wir nicht die Möglichkeit umzukehren und nicht zum Unfall zu fahren, denn das Hinfahren und den Unfall aufzunehmen, den verletzten Menschen zu helfen und alles zu tun, damit sich so ein Unfall an dieser Stelle nicht noch einmal ereignen kann, das gehört zu unserer Aufgabe.
Im Jahre 2006 starben 71 Verkehrsteilnehmer an den Folgen von Baumkollisionen. Die Ursachen dafür sind nicht das Vorhandensein der Bäume, sondern das Verhalten der Verkehrsteilnehmer.
Und der Verkehrsteilnehmer ist der Mensch, das sind wir alle!
Der Mensch als Verkehrsteilnehmer ist risikobereit, das heißt,
Durch sein Verhalten verstößt er gegen festgelegte gesetzliche Bestimmungen, die festgeschrieben sind im Straßenverkehrsgesetz und im Strafgesetzbuch.
Ich möchte Ihnen eine Geschichte über einen Verkehrsunfall erzählen, der sich nicht in der Wirklichkeit ereignet hat. Dessen Inhalt aber vielleicht für einen wirklich ereigneten Verkehrsunfall stehen könnte,
Die Geschichte beginnt mit der Frage „Warum nur, Claus, Warum?
Es ist ein wunderschöner Sommertag. Claus und Peter, zwei Motorradfreunde, planen eine Spritztour mit ihren Motorrädern durch Mecklenburg-Strelitz. Beide haben vor einem Jahr zur gleichen Zeit ihre Fahrerlaubnis für das Führen eines Motorrades erhalten und sind schon viele Kilometer gemeinsam gefahren.
Sie treffen sich bei Lisa und ihrer Schwester Anna, denn die Mädels wollen mitfahren.
Die Fahrtroute ist geplant und die Fahrt kann beginnen.
Lisa fährt bei Claus mit und Anna ist die Soziusfahrerin bei Peter.
Sie fahren zu viert die wunderschönen Alleenstraßen in Mecklenburg-Strelitz in Richtung Brandenburg.
Peter folgt dem Motorrad von Claus.
Plötzlich ruft Peter zu Anna, „Halt dich gut fest, jetzt zeigen wir denen mal, wie man richtig Motorrad fährt!“
Anna klammert sich bei Peter fest an und genießt die Fahrt.
Claus sieht den Blinker an Peters Maschine und ruft laut: „Lass das sein, Peter, hier kommt eine Doppelkurve, du wirst zu schnell!“
Doch schon ist Peter vorbei und konnte die Besorgnisrufe des Freundes nicht hören.
Claus fährt jetzt langsamer und denkt bei sich „Hoffentlich geht das gut!“
Plötzlich ist nur noch das Quietschen der Reifen zu hören und ein lautes Krachen.
Was ist passiert?
Claus kommt mit seiner Maschine langsam an die Unfallstelle herangefahren.
Ein schreckliches Bild, das sie sehen müssen.
Lisa hat sich fest an Claus geklammert und schreit laut, „Warum nur, Claus, warum?“
Sie sieht ihre Schwester auf der Straße liegen. Sofort nimmt sie ihr Handy und ruft die – 110 – die POLIZEI – an.
Sie geht zu Anna und schaut in ihre Augen, die sie hilflos anschauen.
Blut kommt aus ihrer Nase, sie will was sagen, kann aber kein Wort sprechen.
Claus sieht das Motorrad von Peter, es liegt dicht am Baum, es sieht aus, als wenn die Maschine den Baum umarmt. Aber als sein Motorrad ist es nicht mehr zu erkennen.
Sein Herz schlägt ganz laut und schnell und er versucht einen Schritt in Richtung des Baumes zu gehen, der vom Motorrad umschlungen ist. Aber er bleibt wie gelähmt stehen.
Seinen Freund Peter kann er nicht sehen.
„Hallo können Sie mich hören, schauen Sie mich an!“, er hört eine Stimme neben sich.
Er sieht zur Seite und erkennt einen Polizisten.
Er fühlt er sich erleichtert, sicherer und auch erlöst.
Nun muss er nicht weitergehen, das werden jetzt die Polizisten für ihn übernehmen.
„Geht es Ihnen gut?“, ist die Frage des Polizisten.
„Können Sie allein zu Ihrer Freundin gehen?“, wird er gefragt und leise antwortet Claus „Ja!“.
Claus dreht sich um, kann Lisa sehen und neben ihr steht ein weiterer Polizist, der telefoniert. Neben ihnen auf der Straße liegend sieht er Lisas Schwester.
Jetzt kann er auch das Fahrzeug der Polizei mit dem Blaulicht erkennen.
Von weitem hört er die Sirene des Krankenwagens.
Er geht auf Lisa zu und bückt sich zu Anna runter, schaut in ihre hilflosen Augen und sagt: „Der Krankenwagen kommt schon!“
“Hoffentlich kommen sie noch rechtzeitig und können Peter und Anna helfen!“, das sind die Worte, die Claus leise zu Lisa sagt und sie festhält.
Lisa fragt wieder „Warum nur, Claus, warum?“
Anna hatte in meiner Geschichte Glück, der Krankenwagen brachte sie sofort in das nächste Krankenhaus.
Für Peter kam leider jede Hilfe zu spät.
Auch Anna, die diesen schrecklichen Unfall nie vergessen wird, fragt immer wieder „Warum, nur, Claus, warum?“
Claus kann ihr keine Antwort auf die Frage geben.
„ Ja, warum nur, warum?“, das fragen sich täglich die Polizisten, wenn sie an einen Unfallort mit tödlichem Ausgang gerufen werden.
Am schlimmsten ist es, wenn Kinder in den Unfall verwickelt sind. Kinder, die viel zu früh und unschuldig aus dem Leben gerissen wurden.
Warum gehen Menschen so leichtfertig mit ihrem eigenen Leben und dem Leben der Anderen um?
Warum beachten Menschen nicht die gesetzlich vorgeschriebenen Bestimmungen?
Vieles müsste nicht geschehen, wenn der Mensch an die Folgen denken würde, die ihr risikoreiches Verhalten verursachen könnte!
Manchmal fragen Freunde und Hinterbliebene, „Was wäre gewesen, wenn der Baum nicht da gewesen wäre, würde er oder sie heute noch leben?“
Wir suchen aber die Schuld nicht dort, wo sie vielleicht sein könnte, bei uns selbst, oder beim Fahrer des Fahrzeuges, der in einem Unfall verwickelt wurde.
Wenn wir die Allenstraßen entlang fahren, sehen wir Kreuze und Blumengestecke am Straßenrad und an den Bäumen, die an die Opfer von Verkehrsunfällen erinnern sollen.
Jedes Kreuz steht für einen Verkehrsunfall, steht für Menschen, die an dieser Stelle durch ihre eigene Unachtsamkeit/Leichtfertigkeit oder die Unachtsamkeit und Leichtfertigkeit anderer Verkehrsteilnehmer gestorben sind.
Dieser Baum, der uns vorher vielleicht nur durch seine Schönheit oder einfach nur als ein Baum am Straßenrand aufgefallen ist, hat jetzt eine ganz andere Bedeutung für uns.
Viele Bilder und Eindrücke haben die Polizisten in ihren Köpfen, die sie nicht mehr vergessen werden und auch nicht können, wenn sie an diesen gekennzeichneten Bäumen vorbei fahren müssen.
Somit könnte auch jeder Baum, der mit einem Kreuz oder Blumengesteck geehrt wird, seine eigene Geschichte erzählen.