Alleen / Umwelt und Verkehr

Umwelt, Kultur und Verkehr – Eine Expertenumfrage

Alleen als Biotope sind Teil unserer natürlichen Umwelt. Als Straßen dienen sie aber auch dem Verkehr und müssen dessen Anforderungen genügen. Darüber hinaus wurden sie vom Menschen nach Gesichtspunkten der Landschaftsarchitektur angelegt und sind Ausdruck unserer Kultur.
Nur schwer können unsere heutigen Alleen daher den Ansprüchen und Bedürfnissen unterschiedlicher Interessengruppen genügen. Stellvertretend haben wir dazu einige Experten befragt, die sich mit dem Erhalt und Schutz unserer Alleen befassen und zugleich Vertreter unterschiedlicher Verbände und Institutionen sind.
Auch deine Meinung ist gefragt.

Katharina Dujesievken, Alleenbeauftragte, BUND Mecklenburg-Vorpommern

  1. Alleen sind als landschaftsprägendes Kulturgut und aus ökologischer Sicht sehr wertvoll. Für Einheimische und Touristen sind die „grünen Tunnel“ ein unverwechselbares Markenzeichen Mecklenburg-Vorpommerns. Seit Jahrhunderten markieren die Alleen des Landes Verkehrswege, spenden Schatten, verbinden Biotope, schützen vor Wind und Erosion, Filtern den Straßenstaub und gliedern die Landschaft. Sie bieten vielen unterschiedlichen Tierarten geeignete Lebensräume, viele Käfer, Spinnen, Schnecken, Tag- und Nachtfalter finden hier ihre ökologischen Nieschen. Die Bäume bieten Brut- und Rastplatz für Singvögel und sie sind auch Lebensraum für eine Vielzahl von Moos- und Flechtarten. Doch Alleen erfüllen nicht nur eine Reihe wichtiger Funktionen, sie sind auch einfach schön!
  2. Der gesetzliche Schutz der Alleen ist in der Verfassung des Landes Mecklenburg-Vorpommern §12 und in dem Landesnaturschutzgesetz §27 verankert. Außerdem ist in dem gemeinsamen Alleenerlass des Wirtschafts- und Umweltministerium genau beschrieben, wie viel Bäume nachzupflanzen sind und wie viel Geld in den Alleenfond eingezahlt werden muss, wenn es notwendig wird, Alleebäume zu fällen. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat auf diesem Gebiet sehr viel für den Alleenschutz getan.
    Leider werden in der Praxis Gesetz und Erlass oft nicht so umgesetzt, wie es sein müsste. Der gesetzliche Alleenschutz wird an vielen Stellen missachtet, um der Wirtschaft und vor allem der Autolobby zu genügen und auch die Kontrolle einer erfolgreichen Nachpflanzung von Alleebäumen ist unzureichend.
    Seit 2005 liegt ein Alleenentwicklungsprogramm für Bundes- und Landesstraßen in Mecklenburg-Vorpommern vor, das genau bestimmt, auf welchen Straßen und in welchem Zeitraum Alleen neu angepflanzt werden sollen.
    Von der Politik wurde versäumt, dieses Programm als verbindlich an die Straßenbauämter weiterzuleiten. Außerdem sollte dieses Programm weiter vervollständigt und für die einzelnen Bereiche angepasst werden. Dazu gehört auch die Einarbeitung eines alleenfreundlichen Winterdienstes.
    Ein Alleenentwicklungskonzept muss nach Meinung des BUND auch für alle Kreis- und untergeordneten Straßen erarbeitet werden.
    Ein solches Programm und damit eine vorausschauende Planung ist auch für die Herstellung der Verkehrssicherheit von großer Bedeutung. Mit Hilfe von Verkehrszählungen und Unfallstatistiken kann festgelegt werden, wo es nicht ratsam wäre, Alleen neu zu pflanzen. Andere Straßen wiederum werden als geeignet erkannt und für eine Neuanpflanzung vorgesehen.
    Bei der Verkehrserziehung und in Fahrschulen sollte mehr auf die Besonderheiten in Alleenstraßen eingegangen werden. Wir fordern außerdem eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 80km/h in den Alleen.
  3. Der BUND bemüht sich seit Jahren, viele Mitstreiter für den Alleenschutz zu gewinnen, denn wir wissen, nur wenn die Bewohner dieses Bundeslandes die Alleen akzeptieren und achten, können wir sie auch erhalten.
    Viele Schüler, Bürgerinitiativen und Ortsgruppen haben Patenschaften über Alleen übernommen.
    Stellen die Paten fest, dass sich in ihrer Allee große Lücken z.B. durch Fällen von kranken Bäumen, Unfällen an Alleebäumen oder durch Windbruch gebildet haben, können Sie von ihrer Gemeinde, ihrer Stadt oder ihrem Landkreis Nachpflanzungen fordern.
    Wenn Sie bemerken, dass Äste in den Straßenraum ragen oder dass Sie beim Fahrrad fahren den Kopf einziehen müssen um nicht gegen Äste zu stoßen, ist die Zeit für einen Pflegeschnitt an Ihren Alleebäumen wahrscheinlich gekommen. Bei Hitze und langen Trockenperioden fordern Sie die Verantwortlichen auf, dass besonders neu gepflanzte Alleebäume ausreichend mit Wasser versorgt werden.
    Paten haben aber auch schon verhindert, dass Alleebäume unsinnig gefällt oder die Wurzeln bei Straßenbaumaßnahmen geschädigt wurden. Der BUND freut sich über jeden interessierten Bürger.

Polizeihauptkommissar Winfried Braun, Verkehrspolizei, Polizeidirektion Rostock

  1. Die Alleen sind erhaltenswert, weil sie ein herrliches Landschaftsbild darstellen.
    Es ist es ein wunderbares Gefühl durch eine Allee zu fahren.
    Die Alleen bieten Schutz vor Sonne, Regen, Wind und Schneeverwehungen.
    Sie binden Staub und Abgase und dämmen den Straßenlärm ein.
    Außerdem tragen Allen auch zur Verkehrssicherheit bei, indem sie geschwindigkeitsmindernd wirken.
  2. Alleen zu schützen lohnt sich. Das hat auch die Politik erkannt.
    Im § 29 Bundesnaturschutzgesetz werden die Alleen ausdrücklich als geschützte Landschaftsbestandteile bezeichnet, deren Beseitigung, Zerstörung oder Beschädigung verboten ist.
    Um die Sicherheit in Alleen zu verbessern, werden durch die Verkehrsunfallkommissionen Maßnahmen beschlossen. In besonders gefährdeten Abschnitten, wie in Kurven oder vor Bäumen, die zu dicht am Fahrbahnrand stehen, wurden Schutzplanken installiert. Es wurden auch reflektierende und besser erkennbare Fahrbahnmarkierungen aufgebracht.
    Die zulässige Höchstgeschwindigkeit wurde in den meisten Alleen auf 80 km/h reduziert. Das senkt auch den Überholdruck.
  3. In Alleen sollte besonders aufmerksam gefahren werden.
    Hierzu gehören das Einhalten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit und das Fahren mit Licht, um besser erkannt zu werden.
    Riskantes Überholen ist zu unterlassen.
    Die Polizei führt regelmäßig Geschwindigkeitskontrollen durch, überwacht auch das Überholen.
    Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit ist eine bessere Aufklärung um die Bedeutung von Alleen unbedingt notwendig.

Erwin Pfeiffer, Alleenbeauftragter, ADAC Deutschland

  1. Alleen haben einen ökologischen, touristischen und kulturellen Wert. Welch außergewöhnliche Alleen-Schätze in den neuen Bundesländern erhalten waren, zeigte sich nach der Wende. Auf der Deutschen Allenstraße wird deutlich, dass diese Alleen einen besonderen touristischen Wert darstellen. Diesen Ansatz hat der ADAC seit Anfang der 90er Jahre unterstützt und gefördert. Auf der Deutschen Alleenstraße können Reisende die Heimat „auf dem Nebengleis“ entdecken. Abseits der Hauptverkehrsachsen und mit Muße zum Kennenlernen der kulturellen und historischen Vergangenheit.
  2. Bei der Frage um den Erhalt von Alleebäumen würde ich mir mehr Verständnis und Zusammenarbeit der Entscheidungsträger vor Ort wünschen. Nach wie vor werden Entscheidungen aus einseitiger Sichtweise getroffen und ohne Erläuterung für die Anwohner umgesetzt. Die Verkehrssicherheit ist ein wichtiges Thema, aber die Schuld an „Baum-Unfällen“ bei den Bäumen zu suchen, geht in die falsche Richtung. Vielmehr sind die Verkehrsteilnehmer verantwortlich für ihr Verhalten. Die Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf bestimmten Abschnitten ist kein notwendiges Übel, sondern sachlich richtig und zielführend.
    Nachdem der Wert der Alleen in Deutschland zunehmend erkannt wird, ist zu hoffen, dass die vielen Versprechungen zur Nachpflanzung eingehalten werden. Denn auch Alleebäume leben nicht ewig. Hier den richtigen Zeitpunkt zur Fällung und Neuanpflanzung zu finden, erfordert Expertenwissen.
  3. Werdet zum Alleen-Freund. Erzählt Euren Mitschülern, Eltern, Freunden und Bekannten von den Eindrücken auf der Deutschen Alleenstraße. Helft mit die Alleen zu erhalten.

Ingo Lehmann, Alleenschutzbeauftragter, Umweltministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern

  1. Alleen und einseitige Baumreihen sind erhaltenswert, weil sie ein wertvolles Kultur- und Naturgut in der Landschaft, in historischen Gärten und Städten sind und in Deutschland seit mindestens vier Jahrhunderten von Dichtern und Malern besungen werden. Alleen sind für die Öffentlichkeit relevant, weil sie von der Landesgeschichte zeugen, Wohlfahrtswirkung entfalten und zu einem Faktor des Tourismus geworden sind. Alte Alleen sind für den Menschen Staubfilter, verbessern Klima und Luftqualität, spenden Schatten und bieten Schutz vor Wind und Regen sowie zahlreichen, gerade auch spezialisierten Tier- und Pflanzenarten, einen Lebensraum. Junge und alte Alleen strukturieren die Landschaft, führen zu markanten Bauten oder Orten. Obstbaumalleen zeigen Blütenpracht und bringen Ernten.
  2. Alleen und einseitige Baumreihen an öffentlichen oder privaten Verkehrsflächen und Feldwegen sollten wie in Mecklenburg-Vorpommern auch in anderen Bundesländern spezialgesetzlich im Naturschutzrecht geschützt werden.
    Positive Beispiele dazu gibt es auch im Naturschutzrecht der Bundesländer Brandenburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen.
    Alleenschutz und Verkehrssicherheit sind in Mecklenburg-Vorpommern gleichrangig und im Einzelfall zu bewerten. Das heißt, Bäume dürfen erst dann gefällt werden, wenn überwiegende Gründe des Gemeinwohls oder der Verkehrssicherheit dies zwingend erfordern und die Verkehrssicherheit nicht auf andere Weise hergestellt werden kann. Neu- und Nachanpflanzungen an Straßen und Wegen sind als Ausgleichsmaßnahme gesetzlich festgeschrieben.
    In Mecklenburg-Vorpommern gilt es vor allem die bundesweit umfangreichsten und vorbildlichsten Regelungen zu Schutz und Pflege der Alleen noch besser umzusetzen. Dazu zählt z.B. auch, verantwortungsvoller mit Streusalz im Winterdienst umzugehen sowie eine bessere Pflege der jungen Alleen insbesondere an Kreis- und Gemeindestraßen sowie ländlichen Wegen.
  3. Der Alleenschutz in Mecklenburg-Vorpommern wie bundesweit braucht dringend aktive Unterstützer und Förderer. Vereine unnd Verbände, wie die Alleenschutzgemeinschaft e.V. oder der BUND e.V. arbeiten seit vielen Jahren bundesweit und in Mecklenburg-Vorpommern aktiv im Alleenschutz. Sie sind aber auf Spenden angewiesen, um z.B. Neuanpflanzungen finanzieren zu können.
    Jeder kann in seiner Heimatgemeinde dazu beitragen, dass Bewusstsein für Alleen zu schärfen, vor allem Neuanpflanzungen zu befördern oder dauerhaft zu pflegen. Als sinnvoll haben sich Baumpatenschaften privat, durch eine Schulklasse oder durch ein Unternehmen erwiesen. Förster, Jäger und Landwirte sollten verstärkt in die Neuanpflanzung und Pflege masttragender Baumarten (z.B. Kastanie, Eiche) oder seltener Alleebaumarten (z.B. Ulme, Blutbuche, Rotbuche, Lärche) an Wegen eingebunden werden. Waldalleen oder Alleen an landwirtschaftlichen Wegen sind Bestandteil einer Alleenvielfalt.