Bäume / Mythos Baum

Mythos Baum

Wenn wir frühmorgens an unserem Dorf oder am Stadtrand entlang spazieren – das Licht der Nacht liegt noch über den Feldern, Nebel ziehen durch das Erlengesträuch, und die Rohrdommel singt von einem fernen Frühling – sehen die alten Weiden ganz besonders seltsam aus. Im Winter zurückgeschnitten vom Bauern, bis auf den Stamm, oder auf den Kopf, wie es auch genannt wird, zerhauen vom Schlag eines Blitzes aus dunklem Mecklenburger Dezemberhimmel: Immer erinnern sie an düstere Gestalten aus Märchen der Vorzeit, Ammengeschichten, wie man einst sagte, erzählt von den alten Frauen der Dörfer, zu denen die Kleinen mit offenen Mündern lauschten und, ihre Pupillen weit wie der abendliche Himmel, darinnen der Glanz eines Talglichtes oder einer flackernden Kerze oder gar von einem wohligen Herdfeuer in Großmutters Küche widerscheinend.

Die alten zerfaserten Bäume am Wegesrand, in der Abenddämmerung gerade noch wahrgenommen,    regen später abends die nächtliche Fantasie an. Nicht nur beim Kind in Vaters Schoß, das im Fieberwahn den Erlenkönig wahrzunehmen glaubt, sondern auch bei heutigen Vorstadtkindern, die dann und wann über die nahen Felder ziehen und die Bäume zum Klettern oder zum Hochsitzbau benutzen. Immer ist es es etwas Dunkles, Unheimliches, das wir im Baum zu erahnen glauben, etwas, das wir an der Tag-Gestalt nicht erkennen – eine Wesenheit, anders, als wir Menschen oder Tiere von Feld und Flur.

Der Baum trägt die Magie der Erde in sich. Er entwächst dem dunklen Boden, ist mit diesem verwurzelt, reicht weit in diesen hinein, wo kein Licht des Tages hinkommt, wo die Geister der Steine und der unteridischen Gewässer ihren Ort haben. An seinem anderen Ende reicht der Baum fast in den Himmel – ein Gewirr aus Blau und Schwarz und Wolkenweiß verwischt in der Ferne, sofern der Baum nicht selbst noch Kind ist, und wir mit unseren Händen an Apfel, Eichel oder Kastanie heranreichen können.

Der Baum ist in der Regel älter als wir. Er ist Gefährte, ohne je gefahren zu sein, ohne Fahrenszeit also, ein standorttreuer Genosse, anders als wir, die es oft in die Ferne zieht. Er ist deshalb Ruheplatz für eine kleine Rast oder die große im Lebensalter… Wir ruhen unter ihm, dem alten Lindenbaum in der Mitte des Dorfes, oder unter der Kastanie, als altes Paar, Philemon und Baucis gleich, so oder so ähnlich. Alt wie ein Baum möchten wir werden: Damit meinen wir weniger die Jahre, sondern vielmehr die Beständigkeit in der Witterung, die Tiefe der Borke, die dem Regen der Winterzeit ebenso widerstanden hat wie den Stürmen im Oktober oder dem Klopfen des Spechtes in Juni. Altern in Würde – das können wir von den Bäumen lernen.

Aber Bäume sind auch Mittler zwischen Menschen und Natur. Anders als die Tiere sind sie fern, erdgebunden eben, und entstammen einer anderen Sphäre als die beweglichen Wesen, die die Wälder, Felder und Städte und Dörfer bewohnen. Sie sind wirklich! Teil der Erde, verwachsen, fest und stabil, sich selber treu, bis ein Sturm sie bricht. So würden wir auch gern sein.

Vielleicht liegt ihre dunkle mythische Kraft auch gerade darin begründet, dass wir die Bäume im Alltag oft übersehen. Gefährten am Rand der Straßen und Wege, ohne Not gefällt, geschlagen zu Nutz- oder Brennholz, achtlos, Festmeter, so der Fachbegriff. Was wir so behandeln, weckt auch dunkle Schuldgefühle gegenüber der Natur, die so anders präsenter sind als bei die vielen Tierarten, die wir an den Rand der Erde gedrängt oder gar bereits ausgelöscht haben, unsichtbar geworden auf dem Boden von Mutter Erde. Bäume hingegen bleiben immer irgendwo stehen, auch zuweilen verunstaltet von Eingriffen von Axt und Säge, Mahner, nicht eisern, aber naturgewachsen, unverrückt, und würdevoll.

Im Mythos vom Baum liegt unsere eigene Wurzel in der Natur, in Mutter Erde. Erdgeboren, und dem Himmel verwandt.